Nach dem amerikanischen „Zollhammer“ malen Medien, Verbände und Politik eine Katastrophe an die Wand. Die Börsen bleiben optimistisch und ruhig. Woher kommt die krasse Divergenz?

Wie ein furchtbares Unwetter hagelten die Meldungen, Einschätzungen und Kommentare zum amerikanischen „Zollhammer“ über das verlängerte Wochenende vom 1.August auf uns ein. Die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich rechnet mit einem deutlichen Rückgang des BIP. Ein „schwerer Schlag gegen die Exportbranchen“ beklagt die Zürcher Handelskammer. Eine Industrierezession sei so gut wie sicher, und er gehe davon aus, dass der Export von der Schweiz in die USA zusammenbreche, jammert der Cheffunktionär des Verbandes der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. „Ist das Erfolgsmodell Schweiz noch eines?“ fragt in Endzeitstimmung die NZZ. Von einer „Katastrophe“ spicht der Präsident der FDP, von einer „historischen Katastrophe“ ein bekannter Nationalrat der SP. Die „grösste Schweizer Niederlage seit Marignano“ identifiziert der Blick. Es drohe ein wirtschaftliches Fiasko.
„Kommt es am Montag zum Börsen-Crash?“ Diese vielfach gestellte Frage ist angesichts der mediealen Berichterstattung nur folgerichtig und wahrscheinlich eher rhetorischer Natur.
Wie wir heute wissen, lautet die zur skizzierten Bedrohungslage vollkommen unpassende und inkompatible Antwort: Nein, nicht im Entferntesten. Die Börsen verweigerten den veröffentlichten Prognosen jede Gefolgschaft. Zwar eröffnete der breite Schweizer Aktienindex SPI am Montag, 4. August negativ. Das stand allerdings in Einklang mit einer weltweiten Kurskorrektur am 1. August, als die Schweizer Börse geschlossen war und hatte mit der spezifisch schweizerischen Situation wenig zu tun. Das bestätigte dann auch der weitere Kursverlauf. Am Montag schloss der SPI trotz der Katastrophe praktisch unverändert mit -0.2%.
Selbst Swatch (-2.2%) und Richemont (-1.3%), die von mehreren Verbandsvertretern und Medien als Paradebeispiele schwer betroffener Unternehmen genannt wurden, verzeichneten keine ausserordentlichen Kursverluste. Auch in der Maschinen-, Nahrungsmittel und Pharmaindustrie blieb das angekündigte Kursgemetzel aus. Dass die angedrohten Zölle mehr als taktische Verhandlungsposition denn als endgültiges Verdikt interpretiert werden, dürfte die relative Ruhe der Aktienmärte teilweise erklären. Und natürlich wissen die meisten Marktteilnehmer aus Erfahrung, dass die Schweizer Unternehmen vergleichbare Schocks durch hohe Flexibilität und Innovationskraft immer wieder erfolgreich bewältigen und die Schläge nicht selten gestärkt überstehen.
Dass Medien, Politiker und Verbandsfunktionäre die Situation um Dimensionen dramatischer einschätzen als die Aktienmärkte, ist kein Sonderfall, sondern ein typisches Phänomen. Wir erlebten es etwa nach der „Katastrophe“ vom 6. Dezember 1992, der Ablehnung des EWR-Vertrags; es war jener „Dimanche noir“, der am Schweizer Aktienmarkt ein Jahr stark steigender Kurse einleitete. Wir erlebten es während der europäischen Schuldenkrise 2011, als der Franken stark aufwertete. Während monatelang gejammert und eine schwere Wirtschaftskrise beschworen wurde, erholten sich die Aktienmärkte wie die Konjunktur vom anfänglichen Schock rasch und nachhaltig. Wir erlebten es nach der Wahl Trumps 2016, als die Börsen entgegen den Prognosen stiegen. Oder in der Covid-Krise, als sich die Wirtschaft, die Unternehmen und die Aktienmärtke einmal mehr sehr viel resistenter als dargestellt erwiesen.
Woher kommt diese wiederkehrende Divergenz? Der wichtigste Grund liegt in den Motiven, den Interessen der Akteure. Es ist klar: Bad news sells. Je schriller die Nachricht, desto höher die Beachtung und die Auflage einer Zeitung. Je dramatischer die Botschaft, desto gewichtiger wird eine damit verbundene politische Forderung. Nur mit krassen Szenarien kann man, wie die Zürcher Handelskammer, nach Unterstützung vom Bund, vom Steuerzahler rufen. Nur wer – wie eine Nationalrätin der CVP – eine schwere, wirtschaftliche Krise abwenden muss, kann die Ausserkraftsetzung (demokratischer) politischer Abläufe verlangen. Nur wer zehntausende oder auch 300’000 Arbeitsplätze bedroht sieht, kann präventiv staatliche Hilfe, Kurzarbeitsentschädigung auf Jahre und alle (un)möglichen weiteren Eingriffe fordern.
Wer mit schockierenden Schlagzeilen die Auflage steigern kann, wer mit der Ankündigung einer Katastrophe den eigenen politischen Zielen zum Durchbruch verhelfen will, wer mit Horrorszenarien Steuergelder ergattern möchte, der wird eher zu pessimistischen als zu realistischen Prognosen neigen.
Ganz anders ist die Interessenlage an den Börsen. Dort verfolgen die meisten Akteure private, finanzielle Ziele. An den Finanzmärkten erfolgreich ist, wer möglichst realistische, also unverzerrte Prognosen macht. Marktteilnehmer haben keinen Anreiz für Übertreibugungen. Schwarzseherei wie auch Überoptimismus führen zu falschen Entscheiden und bringen früher oder später unweigerlich Verluste.
Damit eng verbunden ist ein zweiter Vorteil der Märkte, wenn es um Prognosen geht. Wenige werden behaupten, dass in der politischen Öffentlichkeit ein besonders enger, positiver Zusammenhang zwischen Sachkompetenz einerseits und Lautstärke und Eloquenz andererseits besteht. Auch das ist an den Finanzmärkten anders. Den grössten Einfluss haben an den Börsen jene, die bereit sind, am meisten Geld auf ihre Prognosen zu setzen. Das sind, in der Tendenz, diejenigen, welche die besten Informationen und damit die besten Prognosen haben.
Es ist kein Zufall, dass die Aktienmärkte die Zukunft meist weniger düster, dafür treffsicherer beurteilen. Wer nicht in Depressionen verfallen will, tut gut daran, das ohrenbetäubende mediale und politische Gezeter mit der Börsenentwicklung zu vergleichen und entsprechend zu gewichten. Anlegern raten wir wie immer in vermeintlichen oder tatsächlichen Krisensituationen: Stecken Sie sich Stöpsel in die Ohren, lesen Sie keine aktuellen Börsenkommentare und bleiben Sie bei Ihrer langfristigen, durchdachten Strategie.