Wer trotz permanenter Warnungen permanent Aktien hielt, gewann über längere Zeiträume immer. Wer sein Ohr berufsmässigen Schwarzmalern schenkt, verharrt in ewiger Angst, und verpasst alle Chancen.

Es geschieht sehr selten. Doch manchmal prasselt heftiger Regen auch in der Wüste. Gäbe es Wetterfrösche, die den Zeitpunkt des Wolkenbruchs Wochen oder Monate im Voraus treffend prognostizierten, würde man sie Koryphäen nennen. Es sei denn, sie prognostizierten das seltene Ereignis regelmässig, und lägen somit meistens falsch.
Es geschieht sehr selten. Doch manchmal kommen Aktienkurse auf breiter Front heftig ins Purzeln. Experten, die den Zeitpunkt des Börsencrashs Wochen oder Monate im Voraus einmal treffend prognostizieren, werden Koryphäen genannt. Auch dann, wenn sie das seltene Ereignis dauerhaft antizipieren. Schliesslich zeigen auch stillstehende Uhren täglich zweimal die richtige Zeit. Kein Wunder, wimmelt es von professionellen Crash-Propheten.
Etwa bei der NZZ. Regelmässig malt man hier den ganz grossen Börsensturz an die Wand. Bei einem nächsten Börsencrash stünden 35’000 Milliarden Dollar auf dem Spiel, Anleger sollten sich wappnen, alarmierte man wieder vor Kurzem. „Der nächste Crash sei nur eine Frage der Zeit“, warnte die NZZ schon 2017. Das „Ende des Börsen-Schlaraffenlands“ prophezeite sie 2018. Vom einzigen dramatischen Einbruch seit der Finanzkrise von 2008, der Covid-Krise 2020, liess man sich dann aber gänzlich überraschen. Um dann 2021 wieder schrill zu verkünden: „Der nächste Börsencrash könnte besonders weh tun“. Damit meinte man allerdings nicht die 2022 eintretende Korrektur der Aktienpreise, die aufgrund steigender Inflation und Zinsen erfolgte. Denn als sicher bezeichnete wurden in jenem Artikel ausgerechnet Staatsanleihen, die dann stärker als Aktien litten.
Doch ganz gleich, wieviele Fehlprognosen man sich geleistet hat: So wie die Zeugen Jehovas immer wieder neue Indizien für die kommende Schlacht von Armageddon, den Weltuntergang, erkennen, sind auch die Untergangspropheten an den Finanzmärkten nie um Anzeichen für den kommenden Crash verlegen. Auch an der Falkenstrasse gibt man sich unbeirrt und bringt jetzt gleich sieben erprobte Orakel in Stellung.
Es ist ziemlich sicher: Die Zeugen Jehovas werden eines fernen Tages recht bekommen. Nach heutigem Wissen ist die Menschheit nicht für die Ewigkeit bestimmt. Die schwarzmalenden Börsengurus werden wahrscheinlich früher richtig liegen. Vielleicht schon morgen, vielleicht in zwanzig oder in siebzig Jahren.
Doch vor und nach der zeitlich nicht vorhersehbaren Korrektur steigen die Börsen wohl weiter, wie sie es seit ihrer Entstehung vor weit über hundert Jahren immer taten. Wer trotz permanenter Warnungen permanent Aktien hielt, gewann über längere Zeiträume immer. Schliesslich sind Aktien Anteile an produktiven Unternehmen, an Innovationen, an guten Ideen, am Fortschritt per se. Wer sein Ohr hingegen den berufsmässigen Schwarzmalern schenkt, verharrt in ewiger Angst, investiert nie in Aktien und verpasst alle Chancen.

Betrachtet man die Entwicklung von Aktien auf einer logarithmischen Skala, wird deutlich, wie unbedeutend in einer längerfristigen Perspektive selbst die grössten Börsenkrisen, wie jene von 1929 im Rückblick erscheinen. Wer für seinen Lebensabend oder gar darüber hinaus für seine Erben vorsorgt, tut gut daran, bis ins hohe Alter einen – wenn auch abnehmenden – Teil seiner Ersparnisse in einem diversifizierten Aktienprotfolio zu halten. Diversifiziert deshalb, weil einzelne Unternehmen oder auch ganze Sektoren jederzeit untergehen können. Dass der ganze Aktienmarkt, d.h. die meisten Unternehmen langfristig an Wert verlieren, scheint dagegen höchst unwahrscheinlich, wider die menschliche Natur, die immer nach Fortschritt und Verbesserung strebt.
Das bedeutet nicht, dass man die Möglichkeit massiver Kurseinbrüche ignorieren sollte. Kluge Anleger rechnen ständig mit dem Schlimmsten. Sie positionieren sich so, dass sie eine Krise überstehen können, ohne ihre Aktien im dümmsten Zeitpunkt zu Tiefstpreisen verkaufen zu müssen. Sie nehmen nicht mehr Risiken, als sie auch bei ungünstiger Entwicklung verkraften können. Wer aber auf jede neue Warnung, auf jeden Abschwung an der Börse reagieren muss, sollte sich fragen, ob er sich nicht mit Risiken übernommen hat.